Pelzfarmrecherche in Skandinavien.

Wie man beim harmlosen Dokumentieren von Tierquälerei drei Tage lang inhaftiert werden kann.

Ein Bericht von Martin Balluch.


Im April 2003 veröffentlichte die Zeitschrift „Wirtschaft“ eine ökonomische Analyse des Pelzhandels in Österreich. Seit dem Pelzfarmverbot in Österreich im Jahr 1998 ist der Pelzhandel ausschließlich auf Importe von einem Produkt angewiesen, das hierzulande gar nicht hergestellt werden darf. Der bereits seit Jahrzehnten unverändert stetige Rückgang im Pelzhandel wurde in den letzten 2 Jahren gestoppt. Als Ursachen dafür wurde in dem Artikel festgestellt:
i) seit es keine heimischen Pelzfarmen mehr gibt, werden in den heimischen Medien mangels Bezug zu Österreich keine Bilder von Pelztieren mehr gezeigt;
ii) die Kürschnerinnung importiere jetzt fast ausschließlich nur noch aus skandinavischen Pelzfarmen, die durch die weltweit besten Tierschutzstandards bekannt wären, Rohpelze. Als Gefahr für einen möglichen zukünftigen Anstieg im Pelzhandel konstatiert der Autor einerseits, dass einzelne KürschnerInnen Pelze aus anderen Ländern mit niedrigeren Standards, wie Osteuropa, China oder Russland, importieren könnten, und andererseits, dass von Tierschutzseite her die kandinavischen Pelzfarmen negativ in die Medien gebracht werden könnten.

Deshalb beschloss ich eine umfassende Bestandsaufnahme der Pelzindustrie in Skandinavien zu versuchen. So besuchte ich von 17. bis 29. Oktober 2003 Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland um soviel Film- und Fotomaterial von Pelzfarmen wie möglich zurück nach Österreich zu bringen. Es stellte sich heraus, dass die Pelzfarmen in Skandinavien um nichts besser sind, als die in Osteuropa. Vielleicht sind manche sauberer, aber für die festgehaltenen Tiere ist die Situation ununterscheidbar und die Farmen sind generell größer. Die Nerze haben üblicherweise Käfige mit 30cm x 90cm für 2 Tiere, und die Füchse 50cm x 60cm, auch zuweilen für mehrere Tiere. Die großen Füchse können in diesen winzigen Käfigen nicht einmal einzeln stehen, ohne an eine Seitenwand des Käfigs anzustoßen.

Zunächst filmte ich 3 Tage lang in Finnland, in der Nord-West Region, in der sich praktisch alle Pelzfarmen des Landes befinden. Pelzfarmen sind dort eine der wichtigsten Industrien. In Nykarleby gibt es z.B. 350 Pelzfarmen bei 7000 EinwohnerInnen, d.h. praktisch jedeR EinwohnerIn muss zumindest mit PelzfarmerInnen verwandt sein oder sie sehr gut kennen. Entsprechend stark ist daher dort auch die allgemeine Zustimmung zu Pelzfarmen, und entsprechend schwer ist es als Ausländer mit ausländischem Auto zu filmen. Bei meinem Besuch von Kaustinen am dritten Tag meines Aufenthalts parkte ich das Auto an einer Strasse mitten im Ort und ging zum Pelzfarmeingang, um noch einmal ein bisschen zu fotografieren und zu filmen. In diesem recht kleinen Ort gibt es 130 Pelzfarmen, eine neben der anderen, und riesengroß! Nach ein paar Fotos sehe ich im Augenwinkel einen Mann in einem Auto auf der Strasse heranfahren. Rasch springe ich ins Auto zurück, doch der Pelzfarmer stellt sich mit seinem Auto quer vor mir über die Straße. Er springt heraus, ich versperre das Auto. Er klopft an die Scheiben und schreit auf finnisch. Ich antworte auf englisch, sage, dass ich ein Tourist bin, und nur ein Foto aufgenommen habe. Er geht ein paar Schritte zurück und zückt sein Handy.

Die Strasse war zu diesem Zeitpunkt vollkommen mit einer zentimeterdicken Eisschicht überzogen. Zusätzlich hatte ich ein Straßenauto mit ziemlich abgefahrenen Sommerreifen. Der Pelzfarmer hatte ein Geländefahrzeug mit spikebewährten Winterreifen. Doch der Anruf des Pelzfarmers, offenbar um Verstärkung zu holen, ließ mir die Entscheidung leicht fallen: ich fuhr rückwärts los, schlug die Lenkung voll ein, schleuderte auf dem Eis einmal herum und fuhr so rasch ich konnte Richtung Hauptstrasse davon.

Der Pelzfarmer war zunächst überrascht. Sicher auch weil er gerade telefonierte konnte er nicht sofort reagieren. Obendrein musste er noch langsam umdrehen, weil die Strasse ziemlich eng war. Jedenfalls konnte ich einmal abbiegen, bevor es ihm gelang aufzuschließen. Noch eine Kurve, ich nehme sie ganz langsam um nur jetzt nicht in den Graben zu rutschen, er fährt dicht auf, kann aber nicht überholen. Jetzt bin ich aber auf der Hauptstrasse, vom Eis gesäubert und schnurgerade, wie für Finnland typisch. Ich steige voll aufs Gas und die Tachonadel zieht nach oben: 130, 140, 150 dann 160 km/h. Sein Geländewagen kann längst nicht mehr mit, wird immer kleiner im Rückspiegel und verschwindet langsam vollständig.

Doch sicher hatte er andere Pelzfarmer alarmiert. Später erfuhr ich, dass auch die Polizei von ihm informiert wurde. Die erkundigte sich sogar in Österreich nach dem Autobesitzer. Jedenfalls fuhr ich noch 20 km Vollgas geradeaus, und dann bog ich links auf eine kleine Forststrasse in den Wald. Weitere 60 km fuhr ich auf kleinen Strassen nach Osten aus der Gefahrenzone, dann wieder auf großen Strassen noch weitere 200 km und am nächsten Tag verließ ich Finnland. In 3 Tagen hatte ich 2 Videobänder und 9 Fotofilme zu je 36 Bildern mit Pelzfarmmotiven aus insgesamt 25 Pelzfarmen gefüllt. Durch den vielen Wald in Finnland ist es relativ leicht ungesehen bis sehr nahe an die meisten Farmen heranzukommen. Ich sah kaum Zäune oder Alarmsysteme. Noch in Finnland steckte ich sicherheitshalber das gesamte Material in ein Kuvert und sandte es eingeschrieben per Post zu mir nach Hause. Ich hatte auch Aufnahmen von sogenannten Superfüchsen erstellen können. Diese Füchse, eine finnische Spezialität, sind gezielt gezüchtete Nachkommen einer Mutation, die zufällig einen doppelt so dicken Fuchs mit starken Hautrunzeln und hängenden Hautfalten produziert hatte. Superfüchse, in der Natur nicht lebensfähig und nur unter Schmerzen in der Lage zu gehen, haben doppelt soviel Pelz wie normale Füchse. Ein klassisches Beispiel einer sogenannten Qualzucht.

In Schweden filmte ich 15 Farmen im nördlichen Südschweden und weitere 30 auf der Halbinsel Listerlandet, wo es 70 der 130 Pelzfarmen Schwedens gibt. Alle diese Farmen sind Nerzfarmen, weil Fuchsfarmen in Schweden verboten sind. Im Gegensatz zur Situation in Finnland haben praktisch alle schwedischen Nerzfarmen einen oft 2,5 m hohen, undurchsichtigen Umgebungszaun und Alarmsysteme auf der Farm. Dennoch ist auch in Schweden durch den vielen Wald eine unbeobachtete Annäherung möglich. Die schwedischen Farmen im Süden sind allesamt sehr groß. Einmal legte ich die Videokamera auf die Armatur und fuhr quer durch eine Pelzfarm, mehrere Minuten lang, und filmte dabei. Die größte Nerzfarm mit 100.000 Nerzen befindet sich aber weiter nördlich nahe von Skara. Dort konnte ich glücklicherweise recht leicht gute Aufnahmen machen. Insgesamt hatte ich zuletzt Material auf 3 Videobändern und 5 mal 36 Fotofilmen.

In Norwegen fiel es mir am schwersten Pelzfarmen zu finden. Es gibt aber dennoch einige Regionen, wo sie gehäuft auftreten. Durch die gebirgige Landschaft, ohne Autobahnen, ist das Zurücklegen von längeren Strecken allerdings sehr zeitaufwendig. Deshalb filmte ich nur in 5 Farmen, allesamt Fuchsfarmen, wobei eine Farm auch einen kleinen Bereich mit Nerzen hatte. Nur eine der Farmen hatte einen Zaun. Speziell die Farmen, die höhergelegen sind, kann man aber sehr gut filmen, weil man als Tourist mit Rucksack nicht aus dem Rahmen fällt. Alle diese Farmen waren in Gegenden mit Schwerpunkt auf Tourismus, im Gegensatz zu den Pelzfarmregionen in Finnland und Schweden. Insgesamt kam ich mit 2 Videobändern und 2 mal 36 Fotos aus Norwegen zurück. Diese Materialien schickte ich mir ebenso, wie in Finnland, per Post nach Hause.

Zuletzt ging ich nach Dänemark. Obwohl Dänemark der weltgrößte Nerzproduzent ist, und die Nerzfarmen überall verteilt sind, ist die Tierrechtsbewegung dort aber vergleichsweise am schwächsten und daher die Unterstützung durch lokale Gruppen am geringsten. Zusätzlich fühlen sich die PelzfarmerInnen viel sicherer und sind so von ihren Farmen überzeugt, dass einer es mir erlaubte auf seiner Nerzfarm zu filmen. Die Farm hatte 150.000 Nerze. Während der Farmer einer dänischen Tierrechtlerin alle Einzelheiten des Pelzfarmens erklärte, konnte ich 40 Minuten lang praktisch ungestört filmen und 3 mal 36 Fotos machen. Er dachte wir wären JournalistInnen, die über die besonders hohe Qualität skandinavischer Farmen berichten wollten.

Insgesamt besuchte ich also 76 Pelzfarmen, produzierte 9 Videobänder und 17 mal 36 Fotos, und fuhr 8905 km in 118 Stunden reiner Fahrzeit. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei allen lokalen TierrechtlerInnen bedanken, die mir alle erdenkliche Hilfe zukommen ließen. Es wurde deutlich wie sehr die Tierrechtsbewegung eine internationale Bewegung ist, die keine nationalen Grenzen kennt. Ohne diese Hilfe hätte meine Inspektionsreise niemals so erfolgreich verlaufen können.

Zu Hause in Österreich erhielt ich zwar das Filmmaterial aus Norwegen, aber das Packet aus Finnland wollte nicht ankommen. Aus unbekannten Gründen war die Polizei auf das Paket aufmerksam geworden und hatte es beschlagnahmt. Nach meiner Rückkunft nach Österreich 10 Tage später teilte mir die Post auf Anfrage mit, dass ich mein Material nicht mehr bekommen könnte.

Da ich aber finnisches Material brauchte, um den skandinavischen Bericht zu vervollständigen, und da trotz Einschaltung eines finnischen Rechtsanwalts und der österreichischen Botschaft in Finnland keine Aussicht bestand, dass ich meine Fotos und Filme zurückbekommen könnte, beschloss ich, sofort, noch bevor die Tötungen der Pelztiere abgeschlossen waren, wieder nach Finnland zu fahren. Zwei österreichische Tierrechtler erklärten sich bereit, mich zu begleiten.

Das letzte Mal war ich mit dem österreichischen Auto nach Finnland gekommen. Ich war aber von Pelzfarmern gesehen und verfolgt worden, sodass klar war, dass auch die Polizei über die Nummerntafel des Autos verfügte. So beschlossen wir mit dem Flugzeug zu fliegen und uns vor Ort ein Auto zu mieten. Wir wollten mit keinen finnischen AktivistInnen in Kontakt treten, um einerseits diese nicht in Gefahr zu bringen und um andererseits unsere Pläne nicht dadurch zu gefährden, dass wir auf Telefonen oder per Emailanschlüssen kommunizierten, die von der Polizei abgehört wurden.

So kamen wir am Sonntag den 9. November 2003 spät abends in Helsinki am Flughafen an. Mir war bewusst, dass mich die finnische Polizei sofort verhaften würde, wenn sie irgendwo meinem Namen begegnete. Mir war auch bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß war, zu dritt als Österreicher in der Pelzfarmregion aufzufallen und letztendlich verhaftet zu werden. Aber einerseits dachte ich, dass uns die Polizei bestenfalls bis zu unserem Abflug festhalten würde, um weitere Filmaufnahmen zu verhindern, und nicht länger. Und andererseits hoffte ich, dass dadurch, dass ich mich dann quasi stellte, die Verdächtigungen aufgrund dessen mein Postpaket mit den Filmen konfisziert worden war, aufgeklärt werden könnten und ich mein Material zurückbekommen müßte. Also entweder wir würden neues Material von Pelzfarmen erstellen und nach Österreich bringen können, oder wir säßen zwar eine Weile im Gefängnis, aber es bestünde wenigstens eine Chance das alte Material gerichtlich von der Polizei zurückverlangen zu können.

Nach der Landung am Flughafen in Helsinki teilten wir uns auf. Die anderen beiden hatten alle Foto- und Filmausrüstung und waren instruiert, wo sie Farmen finden könnten, falls ich am Flughafen verhaftet würde. Ich konnte aber ungehindert den Flughafen verlassen. Die Polizei hatte also keine Ahnung, dass wir in Finnland waren.

Danach fuhren wir mit dem Mietauto in den Norden. Wir konnten zunächst bei einer Farm in Ruhe filmen und super Material erstellen. Ein Aktivist war im Auto davongefahren, ein anderer beobachtete die Farm, und ich war drinnen und filmte. Bei der zweiten Farm musste der Fahrer praktisch die Gegend verlassen, weil diese Farm weit von einer größeren Strasse entfernt war. So gingen einer der Aktivisten und ich quer durch den Wald auf die Farm zu. Niemand war auf der Fuchfarm zu sehen, und so postierte sich mein Kollege wieder im Wald und ich ging in die Farm filmen. Nach wenigen Minuten war plötzlich deutlich ein Auto zu hören. Ich lief sofort aus der Farm heraus. Wir sahen dann ein Auto auf die Farm fahren und einen Pelzfarmer im gelben Overall aussteigen und die Käfigreihen entlanggehen. Wir flüchteten sofort tief in den Wald.

Um die potentiellen Verfolger zu verwirren liefen wir zunächst nur 10 m neben der nächsten Pelzfarm, einer großen Farm mit Superfüchsen, entlang nach Süden, überquerten die Forststrasse an ihrer schmalsten Stelle mit Wald auf beiden Seiten der Strasse, und liefen in einem großen Bogen 2 Stunden lang letztendlich nach Norden zur nächsten großen Strasse ungefähr 5 km von der Pelzfarm entfernt. Dort versteckten wir uns etwa 100 m von der Strasse entfernt im dichten Wald und riefen per Handy den Fahrer an.

Der Fahrer war, nachdem er uns abgesetzt hatte, zwar weggefahren, aber nicht weit genug. In dieser Region fällt man sofort auf, wenn man nicht dazu gehört. Er parkte sein Auto und rauchte eine Zigarette, und befand sich dabei, ohne es zu wissen, nur 500 m neben einer weiteren Pelzfarm. In dieser Gegend muss man mit dem Auto dauernd fahren, und zwar direkt und rasch immer in eine Richtung, als hätte man ein Ziel. Niemals im Kreis, nur umdrehen wenn absolut niemand einen sieht, und nicht innerhalb kurzer Zeit zur selben Stelle zurückkehren. Jedenfalls fuhr plötzlich ein Pelzfarmer vor, schrie den Tierrechtler an und blockierte sein Auto. Der Tierrechtler zeigte dem Pelzfarmer seinen Ausweis und versuchte ihn zu beruhigen. Er wäre nur dort um die Bäume anzuschauen, als Biologe. Erst 2 Wochen vorher hatten Pelzfarmer zwei Kunststudenten fälschlich beschuldigt, weil diese nur Fotos vom Wald aufnehmen wollten. Der Pelzfarmer rief die Polizei. In der Zwischenzeit waren noch weitere Pelzfarmer angekommen und die Situation wurde immer bedrohlicher. Die zwei Polizisten waren aber ausnehmend freundlich und ließen den Tierrechtler ohne weiteres wieder weiterfahren. Er solle halt nicht mehr hierher zurückkommen.

Nur, genau das tat er, offenbar weil er nicht zu weit von uns zweien im Wald wegbleiben wollte. Er fuhr also eine Weile davon, kehrte aber bald um und kam direkt wieder zurück. Gleichzeitig hatte er die Karte verblättert und wusste daher gar nicht mehr genau, wo er eigentlich war. So parkte er auf einer Tankstelle und rauchte die nächste Zigarette. Bald kam derselbe Pelzfarmer wieder, und diesmal mit 5 anderen Fahrzeugen voller Pelzfarmer. Der Tierrechtler sperrte sich im Auto ein, die Pelzfarmer schlugen auf die Scheiben und schrien und bedrohten ihn damit ihn umzubringen. Ein Pelzfarmer nahm ein Gewehr aus dem Auto und lud es vor den Augen des Tierrechtlers und drohte, er solle die Tür öffnen oder er würde erschossen. Die Pelzfarmer fotografierten ihn und nahmen die Autonummer auf.

Erst wenige Jahre vorher hatte ein Pelzfarmer auf 5 TierrechtsaktivistInnen geschossen. Einer hatte einen Lungendurchschuss erlitten und konnte nur noch in letzter Sekunde durch eine Notoperation gerettet werden, einem anderen wurden beide Beine getroffen, sodass er nicht mehr gehen konnte. 2 weitere wurden ebenfalls getroffen aber nur leicht verletzt. Der Farmer verteidigte sich damit, dass er eh nur auf die Beine gezielt hätte.

Die Pelzfarmer hatten auch einige Zeit vorher eine Aussendung an die Presse gemacht, die ein Bild von 3 maskierten Farmern im Kampfanzug zeigt, alle schwer mit Gewehren bewaffnet, und einem Strick für einen Galgen. Unter diesem Foto stand in der Aussendung wörtlich: „Wir erklären diese Region eine terroristenfreie Zone [Terroristen ist das Wort für Tierrechtler bei diesen PelzfarmerInnen]. Kein Terrorist hat hier irgendwas verloren. Wir kennen Euch und wir beobachten Eure Bewegungen. Verbrennt Eure Landkarten und jegliche Information über unsere Farmen. Falls jemand von Euch zu unseren Farmen kommt, dann tut Ihr das vorsätzlich und werdet entsprechend behandelt. Wenn Ihr dieses Wort eines Mannes nicht ernst nehmt, werdet Ihr für den Rest Eures Lebens bereuen, in unsere Gegend gekommen zu sein.“

So schwer bedroht rief diesmal der Tierrechtler die Polizei. Sie kam auch kurz darauf, wieder dieselben Polizisten, aber diesmal unwirscher. Sie durchsuchten das Auto und fanden die Rucksäcke von uns anderen. Der Fahrer gab zu, dass es noch einen Freund im Wald gäbe, und dieser würde ebenfalls Biologie studieren und wäre Bäume anschauen gegangen. Er hatte auch die TierrechtlerInnen in Wien über seine Zwangslage informiert. Die wiederum haben mir auf meinem Handy eine entsprechende Nachricht hinterlassen. Wie ich also anrief, war ich bereits von der Gefahr informiert. Unser Fahrer plauderte gerade mit der Polizei und wir vereinbarten am Telefon, dass der andere Aktivist als sein Freund zur Tankstelle kommen sollte. Vielleicht würden sie sie dann fahren lassen, vor allem wenn sie meinen Namen nicht hörten.

Der Aktivist ging also zur Tankstelle, und die beiden wurden prompt festgenommen und zuerst nach Kaustinen und dann nach Kokkola auf die Polizeistation gebracht. Kokkola ist eine der Hauptstädte in der Pelzfarmregion. Es gibt 1700 Pelzfarmen in der Gegend. Am 21. September 2003 hatte die ALF im Herzen der Pelzregion, genau in Kokkola, 8000 Nerze aus einer Pelzfarm befreit. Es gab keine Verdächtigen. Die Polizei stand also unter großem Druck jemanden zu verhaften. Und Ausländer kommen dafür gerade recht, weil die Presse in Finnland seit geraumer Zeit darüber spekuliert, dass die bösen Ausländer für solche Anschläge verantwortlich sein müssten.

Ich wusste allerdings nichts von diesen Festnahmen. Ich saß noch immer im Wald und beobachtete die nahe Strasse. Es war mittlerweile stockdunkel geworden. Ich sah viele Pelzfarmer auf und ab fahren, oft trafen sich 6 oder mehr Fahrzeuge, die Leute sprangen heraus, schrien aufgeregt durcheinander und leuchteten mit ihren Taschenlampen in die Dunkelheit. Dann fuhren sie wieder weiter. Offenbar wurden weitere AktivistInnen gesucht. Einmal kamen die Pelzfarmer in einer Gruppe von etwa 10 Leuten auf gut 40 m an mich heran. Ich zog mich bereits durch den Wald zurück, immer die Farmer im Blickfeld, aber dann gingen sie zurück zu ihren Autos und fuhren weiter. Leider hatte der Aktivist, der zur Tankstelle gegangen war, aus Versehen meine Taschenlampe mitgenommen, und so konnte ich mich nur auf meine Augen verlassen, die aber in der Dunkelheit im Wald nicht sehr zuverlässig waren.

Nach mehreren Stunden ohne Nachricht von den beiden rief ich sie an. Niemand hob ab. Damit war mir klar, sie mussten noch bei der Polizei sein. Waren sie festgenommen, dann war ich jetzt ganz auf mich allein gestellt. Das wollte ich wissen. Also vergrub ich das Videoband im Wald und schlich durch den Wald zur besagten Tankstelle. Dort war absolut niemand mehr. Sie mussten also festgenommen worden sein.

Was sollte ich tun? Ich konnte versuchen die Nacht im Wald zu überstehen. Finnland ist im Moment ziemlich kalt, trotz vergleichsweise mildem Wetter sinkt das Thermometer in der Nacht sicher auf minus 5 Grad oder so. Dazu hatte ich wenig Kleidung, nur für rasches Laufen konzipiert, und war durch und durch nass. Wir hatten mehrere Flüsse und Sümpfe durchquert und waren stundenlang durch den nassen Wald gegangen und an nassen Bäumen gestreift. Zusätzlich dauert die Nacht in Finnland in diesen Breiten im Moment etwa 17 Stunden. Und ich hatte seit der Früh
nichts gegessen, und auch nichts zu essen mit. Die andere Möglichkeit war, finnische AktivistInnen anzurufen und mich abholen zu lassen. Die nähersten Leute, deren Nummer ich hatte, waren rund 200 km entfernt. Sie hätten auch mitten in der Nacht tief ins Pelzfarmterritorium reinfahren müssen, und die Polizei hätte sie abhören und dann mit mir in Verbindung bringen können. Kurz, ich wollte das nur als letzten Ausweg tun. Eine andere Möglichkeit war, mich der Polizei zu stellen. Wie gesagt, ich erwartete nur bis zum Abflug festgehalten zu werden und sah so immerhin eine Chance mein Filmmaterial zurückzubekommen.

Einfach grad durch den Wald zu gehen (ich hatte einen Kompass, allerdings ohne Licht), war keine Option. Ich hatte keine Wanderkarte von der Gegend und wäre mit Sicherheit auf Pelzfarmen gestoßen, was ich unbedingt vermeiden wollte. Aus der Pelzfarmregion rauszuwandern hätte mehrere Tage gedauert.

Und so beschloss ich mich in die nächste größere Stadt zu flüchten, und wenigstens für die Nacht noch was zu essen zu kaufen. Vielleicht gabs dort auch ein Hotel, oder eine Busverbindung oder einen Bahnhof. Ich ging direkt durch den Wald bis nach Evijärvi, eine Stadt der Größe von Mariazell, mit vielleicht ein paar tausend EinwohnerInnen. Das Stadtzentrum war hell beleuchtet, mit einigen Geschäften und einem noch offenen Supermarkt. Allerdings war absolut niemand auf der Strasse, und es gab keinen Bahnhof und kein Hotel. Ich musste also auffallen. So ging ich in den Supermarkt. Der war riesengroß, wie ein durchschnittlicher Merkur, und hatte auch eine Ecke mit veganem Essen, wie Sojajoghurts, Sojamilch und Tofuwürsten. Ich machte aber einen großen Bogen darum, um nicht aufzufallen. Allerdings gab es eh kaum KundInnen, vielleicht insgesamt 3 Personen. Und wie ich so die Gänge entlangstreune, um mich aufzuwärmen, kommen plötzlich 2 Männer um die Ecke – und erstarren wie sie mich sehen. Was auch immer an mir so auffällig war, es gab keinen Zweifel: die beiden hatten mich als Ausländer und Fremden und Pelzgegner identifiziert und riefen per Handy andere Pelzfarmer zu Hilfe. Ich ging sofort aus dem Geschäft hinaus und wollte so rasch wie möglich zurück zum einzigen Freund, der mir in dieser feindlichen Gegend geblieben war: dem großen nördlichen Wald mit seinen dunklen, Deckung bietenden Bäumen. Aber der war weit und breit nicht zu sehen.

Schon fuhr neben mir ein Auto heran, und ein Mann rief etwas auf Finnisch aus dem Auto. Ich ignorierte ihn und joggte harmlos weiter. Er rief noch einmal und noch einmal. Zuletzt antwortete ich "sorry?". Da schrie er "you are in deep trouble!" und das Auto brauste davon. Hundert Meter weiter traf es auf ein anderes, drehte um und die beiden schossen auf mich zu und versuchten mir den Weg abzuschneiden. Ich rannte sofort los, entkam den beiden Autos, wollte aber in keine Seitengasse biegen, die eine Sackgasse sein könnte und lief daher zurück zum Supermarkt.

Hinter mir rannten ein paar Pelzfarmer, von rechts kamen weitere Männer mit Prügeln dahergerannt. Ich schoss direkt in den Supermarkt hinein, quer durch die Gänge durch einen Hinterausgang ins Warenhaus, die Pelzfarmer dicht hinter mir, übersprang ein paar Dosenstapel und lief direkt in ein WC. Die erste Tür zugesperrt und dann auch noch eine zweite.

Draußen begannen sie auf finnisch zu schreien und gegen die Türen zu trommeln. Sie versuchten die Tür aufzubrechen.

Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Diese Angst, die einen erstarren lässt, ähnlich wie sich vielleicht eine Maus fühlt, einer angreifenden Katze gegenüber, ohne Fluchtmöglichkeit, aussichtslos. Fast wie ein Todstellen. Hätten sie die Tür aufgebrochen und auf mich eingeschlagen, ich hätte nicht einmal meine Arme zum Schutz erhoben. Eine vollkommene innere Leere. Das Leben ist zum Stillstand gekommen, direkt am Abgrund.

Da habe ich die Polizei angerufen. Notruf 112. Ich würde hier angegriffen, bräuchte Hilfe. Der Polizist wollte mir nicht glauben. Ich solle in 5 Minuten noch einmal anrufen. In 3 Minuten rief ich wieder an, die Tür hielt noch stand. Ja, es würde jemand kommen um mich zu holen. Meine beiden Freunde seien auf der Polizei in Kokkola. In 30 Minuten wäre die Polizei da. In 30 Minuten, antwortete ich, bin ich bereits tot. Aufgelegt.

Immer mehr Stimmen vor der Tür, laut knallt etwas Hartes, Metallisches dagegen. Jetzt haben sie ihren Ausländer, den Pelzterroristen. Jetzt wollen sie ihn vernichten.

Ich ruf meine Partnerin in Wien an. Sie hatte keine Ahnung was vorgefallen war, wusste auch nichts von den Festnahmen, von den Schwierigkeiten. Ein seltsames Gefühl. Sie war unendlich weit weg, 3000 km. Keine Möglichkeit irgendwas Sinnvolles zu sagen, keine Möglichkeit mir zu helfen. Und dann musste ich auflegen. Das Telefon war meine einzige Verbindung zur Außenwelt. Ich durfte nicht riskieren, dass mir der Akku ausging. Vielleicht gab es ein Leben nach dem Tod.

Stille. Das Schreien und Trommeln hatte aufgehört. Versuchten sie einen Gabelstapler zu holen, um durch die Türen zu brechen? Dann klopft jemand energisch an die Tür. "Polizei", ich solle sofort aufmachen. Jaja, denk ich, nicht mit mir. Warum sind sie so früh gekommen? Es waren erst exakt 21 Minuten nach meinem letzten Notruf vergangen. Sie seien lokale Polizei, nicht aus Kokkola, um mich den Kollegen zu übergeben. Ich wollte den Ausweis sehen, sie sollen ihn unter der Tür durchschieben. Sie tuns. Tatsächlich, Polizei. Ich öffne die Tür.

2 Beamte in Uniform, dicht dahinter 30 Männer mit allen möglichen Waffen in der großen, schlecht beleuchteten Halle. Wir gehen durch die Menge hindurch, kein Wort fällt, ich vermeide den Männern ins Gesicht zu schauen. Dann stecken sie mich in den Arrestwagen, hinten in einen Käfig, und wir fahren ab.

Ich informiere Wien und den Rechtsanwalt in Helsinki, der für mich die beschlagnahmten Filme zurückholen sollte, von meiner Verhaftung und dass ich nach Kokkola gebracht werde. Nach langer Fahrt im eiskalten, unbeheizten Käfig am hinteren Ende des Busses kommen wir nach Kokkola.

Dort holen sie mich heraus. Ich muss mich ausziehen, Stück für Stück, vollkommen nackt. Dann durchsuchen sie die Kleidung und meinen Körper. Eine Erniedrigung, die ich an mir abprallen lasse. Ich will nicht dadurch beeinträchtigt werden. In den nächsten Tagen brauche ich meine ganze mentale Kraft.

Dann rein in die Zelle, rums, die Stahltür ist zu. Ein kleiner Raum, 4 m mal 2,5 m, glatte gleichfarbige Betonwände, kein Fenster, ein Betonbett, ein Betonklo, ein Betonwaschbecken. Grelles Licht aus drei Leuchtstoffröhren an der Decke, das in der gesamten Zeit nie zurückgedreht wird. So trostlos dieser Raum ist, so habe ich mich doch noch nie so erleichtert gefühlt, in einer Polizeizelle. Bald schlaf ich ein.

14 Stunden später geht erstmals die Tür auf. Ein Anruf für mich, mein Anwalt. Bisher hat niemand mit mir gesprochen, mir gesagt warum ich da bin. Der Anwalt fasst sich kurz. Ich sei verdächtigt am 21. September 2003 insgesamt 8000 Nerze aus einer Farm in Kokkola rausgelassen zu haben. Ich gebe ihm Kontaktadressen aus Wien und er sagt er würde versuchen mir ein Alibi zu beschaffen. Weiters sagt er, ich wäre wegen Störung der öffentlichen Ordnung festgenommen worden und könne 3 Tage festgehalten werden. Am 4ten Tag müsse ich vor ein Gericht gestellt werden. Dann legt er auf.

Zurück in die Zelle, rums, die Tür ist wieder zu. Einige Stunden später stellt mir ein Wärter 2 winzige Plastikschalen mit grünem Blattsalat in die Zelle. Mein erstes Essen seit 36 Stunden. Danach mein Verhör. Es geht nur darum wen ich in Finnland wann und warum getroffen hab. Ich müsse jede Sekunde, die ich in Finnland verbracht habe, beschreiben, bei beiden meinen Besuchen. Am Ende frage ich, ob ich mit meinem Anwalt sprechen kann, und ob ich was zu essen bekommen und Zähne putzen könnte. Ich hätte Essen, Kleidung, Zahnbürste und Bücher im Auto im Polizeihof. Selbstverständlich, meint der Verhörpolizist vor der Dolmetscherin, bringt mich zur Zelle zurück, und rums, die Tür ist wieder zu. 20 Stunden später, immer noch ohne Essen, wird sie das nächste mal wieder aufgehen.

Alle meine Versuche die Wachen zu rufen, oder etwas zu Essen zu bekommen, scheitern. Bestenfalls glotzt jemand durch ein Guckloch herein, und geht wieder. Niemand beantwortet meine Fragen, niemand gibt mir was zu essen, niemand lässt mich telefonieren, niemand sagt mir wo die beiden anderen Österreicher sind.

Die beiden sind nämlich in derselben Polizeistation, aber in einem anderen Flügel. Sie bekommen was zu essen, regelmäßig, sogar vegan, und sie können zum Teil auch ihre Sachen aus dem Auto haben. Die Wächter geben einem von ihnen auch Zigaretten.

Dann das nächste Verhör, sehr unpersönlich, kein Smalltalk. Wieder werde ich zu Details bei meinem Aufenthalt befragt, sie zeigen mir Fotos von finnischen AktivistInnen und sagen mir deren Namen. Ich erkenne niemanden. Wieder frage ich nach dem Essen und nach meinem Rechtsanwalt. Natürlich, ich solle mitkommen, sagt der Verhörpolizist vor der Dolmetscherin, steckt mich in die Zelle, und dort bleib ich weiter isoliert, ohne Essen. Einmal holen sie mich noch heraus und fotografieren mich und nehmen Fingerabdrücke. Ansonsten nichts. Die Toilette in meiner Zelle bleibt unbenützt. 3 volle Tage nichts zu essen. Erst 2 Stunden vor meiner unerwarteten Entlassung bekomme ich zum ersten Mal etwas: 3 gekochte Erdäpfel, 2 Kartoffelpuffer und ein winziges Plastiksalatschüsserl.

Dann setzen sie uns alle 3 spät in der Nacht auf die Strasse. Mitten in der Pelzfarmregion, mitten in der Stadt mit der größten Pelztierbefreiung aller Zeiten in Finnland, nur 6 Wochen vorher, und nachdem die Zeitungen geschrieben hatten, dass sie 3 ausländische Pelzterroristen festgenommen hätten. Wo sollten wir hin? Wir telefonierten mit Wien und die versuchten uns einen Schlafplatz bei lokalen TierrechtlerInnen zu organisieren. TierrechtlerInnen in dieser Gegend? Klingt unwahrscheinlich. Wir fuhren zu einem Hotel, aber der Portier verhielt sich so seltsam, als würde er uns erkennen, sodass wir lieber wieder gingen. Dann kommt die Nachricht: es gibt einen Schlafplatz und eine Adresse.

Doch zum Schlafen bleibt für mich keine Zeit. Zunächst schreibe ich rasch auf, was mir im Verhör alles aufgefallen ist, was mir gezeigt wurde. Wir verschlüsseln das mit PGP und verschicken es in ganz Finnland. Bis jetzt weiß ich nicht, ob diese Nachricht zu spät kam. Jedenfalls wurde ein Tierrechtler, den ich getroffen hatte, und der dauernd in meinem Verhör vorkam, von der Polizei verhaftet und sein Haus durchsucht. Einen Tag später wurde er wieder entlassen. Ich bin auch zu Kontakten nach Norwegen und Schweden befragt worden. Auch in Oslo, wo
ich gewesen bin, hat man 2 Hausdurchsuchungen gemacht und das Vegane Kollektiv auseinandergenommen. Ich hatte aber keinen Namen genannt, keinen Aktivisten wiedererkannt und nichts erzählt von dem ich nicht wusste, dass die Polizei es ohnehin schon weiß.

Und dann das nächste Problem. Wielange hatte ich darüber gegrübelt, in meiner Zelle! Der Film, den ich im Wald versteckt hatte – wie komm ich an den heran? Die Polizei hatte das ganze Auto zerlegt und alle unsere Filme gefunden, selbst den, den wir in eine Fruchtsaftflasche gesteckt hatten. Sie wussten auch, dass ein Videoband fehlte, und befragten mich dazu. Jetzt war ich draußen, am nächsten Tag würde mein Flugzeug mehr als 600 km weit weg von wo ich gerade war nach Hause abheben. Ich musste das Band holen, koste es was es wolle.

Das von uns gemietete Auto kam dazu nicht in Frage. So vertraute ich mich 2 finnischen Aktivisten an. Wir betrachteten die Straßenkarte, wälzten mögliche Aktionsszenarien und zuletzt fuhren wir auch tatsächlich 90 Minuten lang durch die Nacht Richtung Evijärvi und der Pelzfarm und dem Wald, in dem der Film lag. Es war 4 Uhr früh, und wir fuhren immer kleinere Strassen, zuletzt Forststrassen, direkt durch Pelzfarmgebiet. 2 mal sahen wir rechts und links neben der Strasse in der Dunkelheit schemenhaft Pelzfarmen vorbeifliegen. Wir wussten, gerade
jetzt vor den Tötungen fürchten die PelzfarmerInnen eine Tierrechtsaktion am meisten. Gerade jetzt patrouillieren sie jede Nacht durch die Strassen, auf der Suche nach auffälligen Fremden. Kein Auto, vorn oder hinten, 45 Minuten lang. Hätte uns ein Pelzfarmer gestellt, hätte mich die Polizei gefasst, was wär geschehen? Wie hätt ich das erklärt? Was mach ich um 4 Uhr früh bei einer Pelzfarm?

Und dann kamen wir an. Wir hatten vereinbart, dass die beiden mich absetzen, ich mich ohne Licht durch den Wald durchschlage, den Film ausgrabe und wieder zum Treffpunkt zurückkehre, so schnell ich kann. Sollte es ein Problem geben, hatte ich ein finnisches Handy dabei, und zur allergrößten Not mein eigenes.

5 Uhr früh. Das Auto stoppt, ich spring hinaus, den Graben hinunter, durch ein Waldstück, kurz lauschen, hör ich was?, nein, weiter quer über eine Forststrasse wieder in den Wald, und über ein frisch gepflügtes Feld, rasch weiter, so schnell es geht, dann durch einen Fluss, im Dunkeln, dann wieder ein bisschen Wald, wieder ein Fluss, platsch ins Wasser rein, die steile kurze Böschung hinauf, in den Wald hinein, wo er am dichtesten ist. Unter einem umgefallenen Baum durch, dort ist das Versteck. Ein Griff, durch die Blätter in die Erde, und tatsächlich hab ich die Kassette sofort in der Hand. Kurz wieder angestrengt in die Dunkelheit lauschen ... nichts Verdächtiges. Zurück, zurück. Vom Feld aus seh ich die Strasse. Die Tierrechtler stehen dort. Da kommt ein Auto, ganz langsam fährts an ihnen vorbei. Ich renn voll weiter, werf mich in das letzte Waldstück vor der Strasse. Wenn das Auto stehen bleibt, dann nichts wie zurück in den tiefen Wald. Aber es rollt weiter, ganz langsam, und dann biegt es ab, in Richtung zu den Pelzfarmen. Ich überspring den Graben, renn die Böschung hinauf, rein ins Auto, und wir fahren davon.

Wir hatten einen sicheren Ort im Auto als Versteck präpariert, Teile des Autos aufgeschraubt. Da kommt das Band hinein, schnell wieder zumachen. Ich wechsel meine Schuhe und meine Hose, keine Spuren vom Wald sollen zu sehen sein. Die Kleidung wird unterm Sitz versteckt. Und dann die lange Fahrt zurück. Wir fahren in einem großen, unverdächtigen Bogen. Wer weiß, ob die Polizei nicht erwartet, dass wir das Band holen, und uns wo auflauern will.

Gegen 8 Uhr früh kommen wir zurück, noch immer tief in der Pelzfarmregion. Aber keine Zeit zum Schlafen. Rasch gehts zu verschiedenen TierrechtlerInnen nach Hause, das Band wird mehrfach sicherheitskopiert, die Kopien bleiben in Finnland. Und dann müssen wir losfahren, wir haben nur 8 Stunden bis zum Abflug, und über 600 km zu fahren, praktisch ohne Autobahn.

Aber auch am Rückweg gibts keinen Schlaf. Mit dem Büro in Wien besprechen wir eine Presseaussendung. Insgesamt 15 mal werde ich von JournalistInnen angerufen, oder gebe Radiointerviews. Einmal spreche ich 20 Minuten live am Tierrechtsradio, das gerade gesendet wird. Ein Magazin macht einen Bericht über die Sache davon abhängig, dass es uns gelingt, Filmmaterial aus Finnland herauszubekommen. Noch ist es nicht soweit, aber um das Interesse der JournalistInnen zu wecken, gebe ich rundheraus zu so ein Filmmaterial zu haben. Einige JournalistInnen wollen unmittelbar aktuell berichten, meinen aber sie wären sehr interessiert in der Folgewoche in Österreich einen größeren Bericht über die Pelzfarmen zu bringen.

Um interessante Pseudobilder von uns zu haben, machen wir noch ein paar gestellte Aktionsaufnahmen vom Filmen, von finnischen Seen und Wäldern, von Ortstafeln und von unserem Auto. Dann gehts zum Flughafen.

Das letzte Mal Nervosität. Wenn, dann werden sie dort versuchen unseren Film zu beschlagnahmen. Wohin damit? Wo ihn verstecken?

Beim check-in die Hiobsbotschaft: unsere Flugtickets wurden gelöscht. Es sei von jemandem angeordnet worden, das Schalterpersonal weiß weder wer, noch wann, noch warum. Bange Minuten. Wir drei trennen uns, damit wir nicht gemeinsam festgenommen werden können. Wieder Kontakt nach Wien, die sprechen mit der Fluglinie. Angeblich nur ein harmloses Versehen, das gleich geklärt wird. Wer's glaubt!

Dann, können wir doch plötzlich ins Flugzeug. Wir drei, weit voneinander getrennt in verschiedenen Teilen des Flugzeugs. Wer hat die Kassette? Wenn mich jetzt jemand aufruft wieder das Flugzeug zu verlassen, geh ich nicht. Sollen sie mich raustragen. Um keinen Preis geb ich den Film wieder her. Dafür haben wir zuviel mitgemacht, in den letzten Tagen und Wochen. Zur Not würde ich versuchen die österreichischen Fluggäste zu mobilisieren. Aber, nichts. Kein Aufruf. Das Flugzeug startet. Und nach 2 Stunden kommen wir tatsächlich in Wien an. Die ganze Sache
ist überstanden. Ich hatte zwar seit 4 Tagen nichts gegessen und seit 48 Stunden nicht geschlafen, aber die Kassette war in meiner Hand, der Pelzbericht aus Skandinavien vollständig. Die Aufnahmen sind wunderbar, man sieht sogar die berüchtigten Superfüchse aus Finnland.

Vielen Dank an alle für die großartige Hilfe. Danke natürlich an alle lokalen AktivistInnen vor Ort, und an die fortwährende super Hilfe aus Wien. Danke an alle, die uns so urlieb am Flughafen in Wien in Empfang genommen haben. Danke an die Leute, die uns am Abend noch so ein super Essen gezaubert haben. Allerdings konnte ich nur sehr wenig davon essen. Mein Magen ist offenbar geschrumpft. Vor dem Abflug hatte ich noch 8,5 kg mehr als bei meiner Ankunft.

Danke. Bei aller Anfeindung und Isolation macht es den wesentlichen Unterschied zwischen Verzweiflung und Selbstsicherheit aus, wenn man weiß, dass man nicht allein dasteht. Und das hat mir diese Reise wieder eindrucksvoll demonstriert.

Letztendlich war die Mission ein voller Erfolg. Ich werde jetzt einen Film und ein Dossier über die Situation der Pelzfarmen produzieren und gleichzeitig die finnische Polizei gerichtlich dafür belangen, dass sie mich gegen jede Menschenrechtsgarantie 3 Tage lang in Isolation gehalten haben und hungern ließen, sowie, dass mir mein Filmmaterial wieder ausgehändigt werden soll.