25.03.2004


Sächsische Zeitung, 25.03.04

Robbenkinder sterben leise

Grausames Schlachten in Kanada

Von Thomas Burmeister, dpa

Charlottetown - Das Robbenjunge hebt den Kopf und schaut den Jäger ahnungslos aus großen schwarzen Augen an. Der breitschultrige Mann schwingt sein Hakapik - eine Mischung aus Keule und Bootshaken - und schlägt zu. Kein Klagelaut, kein Todesschrei. Robbenkinder sterben leise. Leise und in Massen.

Tausende wurden schon auf diese Weise getötet seit am Dienstag auf dem Packeis im Nordosten Kanadas wieder das weltweit größte Schlachten von Meeressäugetieren begann. Trotz aller Proteste wird es noch wochenlang anhalten. Mindestens 350.000 Robben werden bis Mitte Mai getötet. Das erlaubt die Fangquote des kanadischen Fischereiministeriums. 95 Prozent der Tiere sind hilflos, können noch nicht oder nur sehr schlecht schwimmen.

Eine Ahnung von der tödlichen Gefahr, die Männer mit Hakapiks für sie bedeuten, haben die Robbenkinder nicht. Ihre Mütter können ins Wasser gleiten, sich unter dem Eis verstecken. Die Jungen, deren Pelze immer noch in einer Reihe von Ländern begehrt sind, haben keine Chance.

„Die fühlen nichts“, versichert Roger Simon, der zuständige Regionaldirektor des kanadischen Fischereiministeriums. „Ein Schlag mit dem Hakapik zerschmettert den Schädel. Die Fischer prüfen die Augenreflexe, um sicher zu sein, dass die Tiere tot sind, ehe sie ihnen das Fell abziehen.“ Die Robbentötung sei nicht nur ein gutes Geschäft, sondern auch nötig, damit sich Kanadas Fischbestände wieder erholen könnten.

„Es ist sicherlich so, dass Robben auch Kabeljau fressen“, erläutert dazu der deutsche Fischereibiologe Karl-Hermann Kock von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg. „Aber die mangelnde Erholung des Kabeljaubestands allein den Robben zuzuschreiben, ist eine ziemlich gewagte Theorie. Den Beweis ist man uns bislang schuldig geblieben. Der Niedergang des Kabeljaus vor Kanada ist jedenfalls zum erheblichen Teil fischereibedingt.“

„Unsinn“ nennt Simon im Gespräch mit der dpa Vorwürfe von Organisationen wie dem Internationalen Tierschutzfonds (IFAW), wonach bei der kanadischen Robbenjagd tausende Jungtiere bei lebendigem Leib gehäutet werden. „98 Prozent der Robben werden nach humanen Maßstäben getötet.“

Die Realität sieht anders aus, wie Reporter aus mehreren Ländern am Mittwochnachmittag (Ortszeit) auf dem Eis vor den Magdalenen- Inseln im St.-Lorenz-Golf beobachteten. Vor laufenden Kameras verpasst ein Fischer des Bootes „Wendy Cora“ einer noch nicht schwimmfähigen Robbe einen Hakapik-Schlag auf die Stirn, anstatt, wie vorgeschrieben, auf die Schädeldecke.

Sekunden später schlitzt er das Tier auf, das noch mit den Flossen schlägt und möglicherweise noch am Leben ist - kein einziger der dutzenden Fischer, denen Reporter an diesem Tag zusehen, macht sich die Mühe, vor dem Enthäuten den Augenreflextest vorzunehmen.

Ein weiterer Schlag zerschmettert das Kinn der Jungrobbe, jedoch nicht die Schädeldecke. Ungerührt häutet der Jäger das Tier weiter ab. „Pass auf, die haben Videokameras“, ruft eine Stimme von der „Wendy Cora“. „Das ist eine Schande“, sagt Jean-Marie Dedecker, Abgeordneter des Parlaments von Belgien, der die Reporter begleitet. „Für Kanada und die gesamte Menschheit.“

Belgiens Regierung hat sich entschlossen, den Import von kanadischen Robbenfellen zu verbieten. „Wann seid ihr Deutschen soweit?“, fragt der Abgeordnete von der liberalen Partei WLD. „Wir brauchen einen Boykott in der ganzen EU.“ Dabei ist Dedecker weder ein Gegner der Jagd, noch von Pelzmänteln. „Aber dieses unmenschliche Abschlachten muss aufhören.“

Der IFAW berichtet von 660 Verstößen gegen die Regeln des Fischereiministeriums, die er allein in der vergangenen Robbenjagdsaison auf Video dokumentiert habe. Kein einziger sei „gerichtlich verwertbar“, sagt Fischerei-Direktor Simon. „Das Material war nicht ohne Unterbrechung gedreht.“ Solche Argumente, sagt Sherri Cox, die kanadische IFAW-Direktorin, seien ein Freibrief für weitere Grausamkeiten. „Wir werden das Robbenschlachten auch in dieser Jagdsaison dokumentieren und wir werden keine Ruhe geben, bis unser Land sich von dieser Schande befreit.“


Proteste nicht nur gegen Kanada

meldung von www.canis.info

Norwegen, Dänemark und China sind die Hauptabnehmer der Robben-Rohhäute. Das italienische Luxus-Modehaus Prada macht sich am Massaker mitschuldig. Seit 2001 bietet der Designer Produkte von harp seals in seiner Herrenkollektion an. 50 Pelze sind für einen Robbenmantel nötig. Robbenfelle werden auch zu Brieftaschen, Brillenetuis oder Rucksäcken verarbeitet; Accessoires aus Tiermord.
In Kanada und den USA begann die Tierschutzorganisation Friends of Animals mit großflächig koordinierten Protestkundgebungen. In Europa ist die Kampagne bisher noch nicht im Gange.

Protestschreiben an: Prada World Headquarters, Prada S.P.A., Via Andrea Maffei, 2 I-20154 Milano, Italia.